LNG – der große Knall oder nur ein Lüftchen?

Die erste Begegnung und meine Erfahrungen mit „LNG“ Liquefied Natural Gas als Kraftstoff für Lastkraftwagen…

Hallo zusammen,

kurze Info zu meiner Person: Thomas Mennemeyer, 55 Jahre jung, seit 34 Jahren Berufskraftfahrer und seit fast 32 Jahren beschäftigt in der Westfalen Gruppe als Tankwagenfahrer für Kraftstoffe im Hafentanklager in Münster/Gelmer.

Mein Arbeitgeber, die Westfalen AG, ist ein Unternehmen, das immer aufgeschlossen ist und mit zukunftsorientierten Alternativen in allen Bereichen arbeitet.

Meine neueste Erfahrung: der Einsatz einer neuen Zugmaschine als Fahrzeug zur Kraftstoffbelieferung für unsere Tankstellen. Das Fahrzeug: eine Scania SZM (Sattelzugmaschine), Typ G410 LNG, 13000 cm³ Hubraum, 410 PS, 2000 Nm bei 1100 U/min – 1400 U/min, 2 Fahrzeugtanks mit ca. 340 Liter Inhalt.

2019 wurde ich als Fahrer darüber informiert, dass die nächste Generation an Zugmaschinen in unserem Bereich mit LNG-Verbrennungsmotoren ausgestattet wird. LNG – ein verflüssigtes Gas – soweit so gut. CNG (Erdgas) und LPG (Autogas) sind Begriffe, die im Zusammenhang mit Antrieben in Kraftfahrzeugen bekannt sind. LNG, also Flüssigerdgas – das ist mal was Neues in unserem Fuhrpark. 🙂 Getankt wird es tiefkalt verflüssigt bei ca. -162 °C. (Infos siehe www.westfalen.com/lng)

Am 20.10.2020 ist es dann endlich soweit – die neue Zugmaschine ist beim Scania Vertragshändler in Münster eingetroffen und soll zum ersten Mal betankt werden. Was ich bis dahin nicht wusste – Scania in Schweden betankt das Fahrzeug zur Auslieferung mit CNG, also Erdgas. Der Druck im Tank vor der Betankung beträgt ca. 14 bar. Scania´s Empfehlung bei der Betankung ist allerdings ein Druck von etwa 9 bar. Also muss der Druck erst einmal mit Hilfe eines Entgasungsschlauches ausgeglichen werden.

Die Befüllung und Handhabung sowie den Tankvorgang kann man sich in unserem Tankvideo LNG anschauen. Dies ersetzt aber keine sichere Einweisung am LKW und an der Tankstelle! 😉

Die Ausrüstung des Fahrers: ein Vollvisier, kryogene Handschuhe und eine kältefeste Schutzjacke.

Man bekommt den Eindruck dieser Tankvorgang sei hochkompliziert. Aber ganz im Gegenteil – nach einer zugegeben längeren Einweisung, dauert der ganze Vorgang nicht oder kaum länger als eine Diesel-Betankung. Nach der Betankung beträgt der Druck im Fahrzeugtank dann auch etwa 10 bar – laut Scania vollste Leistungsentfaltung des Motors!

Die Menge der Betankung wird in kg abgerechnet – die erste Betankung: 240 kg von etwa 300 kg. Das erhöht sich nach Angaben von Scania mit weiteren Betankungen. Die Anzeige im Fahrzeug ist wie gewohnt in ¼ -Einteilung der Tankuhr mit kleinen LED-Punkten oder als %-Anzeige im Display.

Am 23.10.2020 ist es dann soweit! Nach Einrichtung der Zugmaschine (Einbau Computer/Tablet zur Auftragsabwicklung und Belieferung der Tankstellen; Ausrüstung, Feuerlöscher usw. nach ADR-Richtlinien) satteln mein Kollege und ich die Zugmaschine unter unseren Tankauflieger. Wir arbeiten in zwei Schichten und mein Kollege kann an diesem Tag in seiner Schicht die ersten Kilometer mit dem neuen Fahrzeug fahren.

Endlich, am 02.11.2020, nach ein paar Tagen frei, geht es dann auch für mich los! Mit einer gewissen Vorfreude, da ich ja schon Einiges gehört habe, steige ich morgens um 5 Uhr zu Schichtbeginn in das neue Fahrzeug ein. 🙂 Erstmal ist alles beim Alten: Fahrerkarte einlegen, Tablet hochfahren. Aber die Abfahrkontrolle bekommt eine neue Komponente – der Blick auf beide Manometer der Tanks – ca. 10 bar an beiden Tanks. (Übrigens: bei einem Druck über 16 bar würde eine sogenannte Not-Entgasung stattfinden).

Nach dem Starten des Motors das erste „Aha“, er läuft sehr leise im Gegensatz zu seinen Diesel-Kollegen, ansonsten ist alles wie gewohnt. Nach der Beladung des Fahrzeugs (das Gesamtgewicht liegt jetzt bei 40 to) merke ich beim Anfahren, dass er etwas müder wirkt als sein Vorgänger. Nach kurzem Gasgeben und Gangwechseln, fährt der LKW aber kraftvoll und sehr leise los und steht seinem Vorgänger in keinster Weise nach! Nach ein paar Kilometern fahre ich auf die Autobahn. Jetzt kommt die Ruhe des Motors zur vollen Entfaltung. Sehr, sehr leise – fast schon wie ein Bus – rolle ich über den Asphalt. Ein echter Genuss! 😉

Der Verbrauch des Fahrzeugs wird im Display momentan mit 21 kg/100 km angezeigt, bei 2600 gefahren Kilometern. Umgerechnet könnte ich also ca. 1.400 km mit 300 kg LNG fahren. Nicht schlecht! Der Dieselmotor mit einem 300 Liter-Tank kommt bei einem Verbrauch von knapp 25 Litern auf ca. 1.200 km Reichweite.

Nach ein paar Tagen und mit ungefähr 5000 gefahrenen Kilometern, kann ich sagen, dass sich der Verbrauch bei Kurzstrecken mit viel Stadtverkehr in Münster auf etwa 23,4 kg/100 km eingependelt hat. Im Langstreckenbetrieb sinkt der Verbrauch auf etwa 22 kg/100 km. Die nächsten Wochen, Monate, Jahre werden zeigen, wie zuverlässig diese Werte und auch das Fahrzeug sind.

Ein erstes Fazit:

Im Moment ist es ein Segen, dass mein Arbeitgeber, die Westfalen Gruppe, den Weg in eine neue, zukunftsorientierte Zeit eingeschlagen hat und darüber hinaus noch gleichzeitig den Bau und Betrieb eigener LNG-Tankstellen, wie hier in Münster-Amelsbüren, beginnt. Alternative Kraftstoffe sind nicht mehr wegzudenken – ob der Diesel durch LNG oder andere Alternativen vollständig verdrängt werden kann, bleibt abzuwarten. Wichtig dafür ist ein dichteres Tankstellennetz.

Als Fahrer eines dieser alternativen Fahrzeuge bin ich dankbar diese neuen Erfahrungen machen zu können und zu teilen.

Allzeit gute Fahrt!

Euer Thomas

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Sabine Heese sagt:

    Hallo Thomas,

    das ist wirklich ein informativer Beitrag.

    Vielen Dank!

  2. Janine sagt:

    Hallo Thomas,

    vielen Dank für den tollen Einblick in deine erste Fahrt mit dem neuen LNG-Lkw.

    Viele Grüße
    Janine

  3. Martin Weiland sagt:

    Lieber Thomas Mennemeyer,

    vielen Dank für diesen äußerst lesenswerten Artikel. Es ist spannend, aus erster Hand vom Profi zu erfahren, wie sich der Umstieg vom Diesel-Bubbler zum LNG-Schnurrer anfühlt.

    Allzeit gute Fahrt und immer genug Profil auf dem Pneu!

    Martin Weiland

  4. Cathrin sagt:

    Hallo Thomas,
    ein toller Auftakt mit einem spannenden Beitrag – vielen Dank und weiterhin gute Fahrt!
    Cathrin

    1. Jens Helms sagt:

      Hi Thomas,

      ein schöner Artikel und ich fühlte mich wie dein Co-Pilot neben dir im Truck. 😉 Liebsten Dank für den Einblick in das neue Geschäftsfeld von uns.

      Immer eine gute und sichere Fahrt und bleib sauber und gesund!

      LG Jens

  5. Frederik Cramer sagt:

    Hallo Thomas,
    ein sehr informativer Bericht und interessante Erkenntnisse.
    Gute Fahrt weiterhin!
    Viele Grüße
    Frederik

  6. Julian Janocha sagt:

    Hallo Thomas,

    der Beitrag spiegelt deine Begeisterung für das Thema wider!
    Sehr authentisch und schön geschrieben.

    Gute Fahrt und bis demnächst an der Tanke:)

    Viele Grüße,
    Julian Janocha

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.